
In Wohlfühloasen wie Hamburg noch schwer vorstellbar: In vielen Orten, vor allem im ländlichen Raum, ist die AfD längst die Mehrheit. Die Nazischläger der 1990er sind jetzt Abgeordnete, Polizist*innen, vielleicht sogar Bürgermeister. Die Nachbarin wählt AfD, der Arzt ist ihr Kreisvorsitzender, die Schuldirektorin Schatzmeisterin – und so weiter. Queer in Grimma, Antifa im Erzgebirge, das ist etwas anderes als in Leipzig, Berlin oder Frankfurt/Main. Antifaschistische, zivilgesellschaftliche, demokratische Strukturen sind prekär, permanent bedroht, nicht nur von Nazigewalt, auch von einem feindlichen Umfeld, von Ämtern und Behörden, von Repression, die schnell persönlich wird – und natürlich vom Wegzug der Aktiven. Denen, die vor Ort die Fahne hochhalten, steht das Wasser bis zum Hals. Ohne Unterstützung geht es nicht mehr.
Mit Tobias, Johannes und Miri, sprechen wir über die Lage im ländlichen Osten. Wie kämpfen Feministinnen im Erzgebirge gegen radikale Evangelikale? Was braucht man, um in Grimma ein alternatives Zentrum am Leben zu halten? Inwieweit sind Grimma und das Erzgebirge nur zwei Beispiele für eine Entwicklung, die schon lange den gesamten Osten erreicht hat und jetzt im Westen zu beobachten ist. Aber auch: Welche Fehler hat die antifaschistische Bewegung gemacht? Was wurde in den letzten Jahren versäumt, bevor es überhaupt so schlimm geworden ist? Was müssen Antifas im Westen lernen, solange noch Zeit ist – und wie können wir dort gegensteuern, wo die Faschisten schon (fast) gewonnen haben?
Wir wollen darüber sprechen, wie Wissen und Erfahrungen aus ostdeutschen Klein- und Mittelstädten endlich in den Metropolen ankommen – und wie Ressourcen aus den Städten aufs Land gelangen, wo sie dringend gebraucht werden. Es ist 5 nach 12, nicht nur an den Wahlwochenenden, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt und MV stärkste Kraft wird, sondern auch in den Monaten und Jahren danach, wenn sich der West-Grusel über den „braunen Osten“ wieder gelegt hat. Wir wollen nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern über antifaschistische Praxis und lebensnotwendige konkrete Unterstützung sprechen. Wie hieß es noch gleich: Solidarität muss praktisch werden.
Referent*innen:
Tobias Burdukat: Tobias Burdukat ist Sozialarbeiter und 1983 in Grimma geboren, aufgewachsen und geblieben. Mit der Entwicklung des Projektes der emanzipatorischen Jugendarbeit, dem „Dorf der Jugend“ wurde sich in Grimma seit 2014 eine alte Fabrikruine angeeignet, welche gerade saniert wird um irgendwann eine unabhängige Finanzierungsgrundlage für Jugend und Sozialarbeit zu bilden. Da schon jetzt diese Felder nicht mehr ausreichend finanziert werden. https://yope.social und https://alte-spritzenfabrik.de
Miri: Miri beteiligt sich seit fast zehn Jahren an der Organisation einer feministischen Gegendemonstration zu einem Schweigemarsch christlicher Fundamentalist*innen im sächsischen Erzgebirge und betrachtet in diesem Kontext auch die zunehmenden Verbindungen rechter Akteure zu evangelikalen Netzwerken in der Region.
Johannes Richter: Johannes Richter ist Dipl. Soziologe und Fundraising Manager. Er beobachtet die rechte Szene seit Jahren und hat zum Umgang mit Pegida sowie der rassistischen Protestwelle 2015-2017 geforscht. Er arbeitete in der politischen Bildung gegen Rechtsextremismus und war 2009 an der Gründung der Kampagne „Dresden Nazifrei“ beteiligt, die Europas größten Naziaufmarsch Geschichte werden ließ.
Moderation: Maike Zimmermann, Maike Zimmermann schreibt hin und wieder über Nazis und die extreme Rechte sowie über antifaschistische und erinnerungspolitische Themen.
Die Veranstaltung findet im Rahmen des Soli-Abend „support your sisters in crime – Unterstützung antifaschistischer Strukturen im Osten!“ statt.
Geöffnet ab 19 Uhr | Beginn um 20 Uhr | Rote Flora

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